Insel des (Augen)blicks

 Ende Oktober 2017

Einige Tage vor der Abreise: Es ist kaum zu fassen. Wie in einem großen Traum verfliegt die Zeit auf diesem Fleckchen Erde. Und doch so groß. Es ist die Weite. Das Gefühl. Es ist ein Rausch. Wie betäubt und dann wieder hellwach wird mir bewusst, die Inselzeit ist schon bald wieder vorbei. Ich spüre meine Sehnsucht, die mich auf dem Festland überfallen wird, schon jetzt.

10. November 2017

Nordseebrise auf Amrum – da war doch was? ;-)

 

Gut, dass da etwas war! Der November in diesen Tagen kommt etwas trüb daher und meine Augen richten sich auf meine Gedankenwelt umso mehr. Um so mehr Licht zu sehen, als hier am Niederrhein vorhanden zu sein scheint. Neulich früh schlich der Herr Nebel schon durchs Land. Noch genoss ich sogar dieses Schauspiel, es hatte so etwas Märchenhaftes. Noch!

 

Unsere Herbstinsel präsentierte sich in diesem Jahr sehr herbstlich. Mehr als bei unseren Aufenthalten sonst in dieser Jahreszeit kam das Wasser auch verstärkt von oben. Der Wind drückte die Wellen heftig gegen die Wasserkante. Entsprechend hoch waren die Wellen und der Meerschaum, der sich auf dem festen Sandboden sammelte, flog in Kaskaden über den Kniep.

 

Meine Kapuze flattert heftig, die Mütze darunter hält mich warm. Während ich dies schreibe, bin ich dort. Die Vergangenheit geht ihren Weg und versetzt mich in die Inselgegenwärtigkeit.

 

 

 

Beim Gehen an der Wasserkante geht der Blick zu den Wellen, dem Meer und weiter gen Horizont. Dann wieder drehe ich mich und schaue in die Weite. Der Strand ist unfassbar weit und breit. Diese Tiefe. Jedesmal wenn ich dies dort erlebe, ist es für mich ein kleines Wunder. Ich schaue immer mal wieder. Hin und her und zurück. Kann dies wahr sein? Kann dieser Anblick meinem inneren Auge bewahrt bleiben? Wenn ich der Insel den Rücken kehren muss, weil das Zuhause wartet. Träume sind keine Schäume. Ich kann! Bewahren. Diesen Augenblick. Diese Schönheit. Die Lichtreflexe, die die Sonne in Vermählung mit den Wolken zur vollen Entfaltung bringen. Die Vereinigung mit dem Wasser, des Sees im Norden.

 

Diese Weite erlebte ich hoch 2, als ich als Pferd unterwegs war. Ich ahnte nicht, was mich erwartete. Über die Bohlen durch den Zauberwald lief ich und genoss den Zauber, die Birken im Moor. Kam beim Bienenvolk vorbei. Und entdeckte einen kleinen Pfad. Mal sehen wo der hingeht.... Gedacht und unterwegs.

 

Immer schmaler. Soll ich zurück? Nein, weiter. Meine Neugier siegte mal wieder. Und irgendwann, als ich merkte, dass dieser Pfad weniger zum Joggen als zum Gehen geeignet war, lief ich trotzdem weiter. Wo endet dieser Weg? Hier war ich ja noch nie. Und das nach vielen Jahren, die ich auf dem Eiland schon verbracht hatte. Verbotenes Terrain konnte es nicht sein. Die Notmarkierungen tauchten immer wieder längs des Pfades auf. Ein Passant, der mir mit seiner kleinen Tochter entgegen kam, klärte mich auf. Dies ist ein Reitweg. Wenn Sie also in Not geraten, sollten Sie wiehern. Er war wohl offensichtlich auch gerne mal ein kleiner Spaßvogel.

 

 

 

Als der Mann außer Reichweite war, wieherte ich. Ein paar Mal. Zur Probe. Man konnte ja nie wissen, wofür das gut war. Nach dem es erst nur durch Grasland gegangen war, ging es nun durch und über die Dünen. Teilweise über schmale Grade, da musste ich auch schon mal balancieren. Wurden hier die Pferde zu Ballerinas? Egal. Weiter. - Wow. Dieser Blick. Von hier oben aufs Meer.

 

 

Aber da musste ich noch hin. Zum Meer. Das würde noch eine Weile dauern. So einen ausgiebigen Lauf hatte ich gar nicht geplant. Und hoffentlich kam ich überhaupt bis zum Strand. Der Mann unterwegs hatte etwas von Überflutung gesagt. Er war von Norddorf gekommen und nicht sicher, ob der Weg nach Süden nicht versperrt wäre.

 

Gut, dass ich die Hoffnung nicht so leicht über Bord warf. Ich lief wohlgemut weiter. Und fand meinen Weg. Teilweise ging es durch seichtes Wasser. Teilweise sprang ich über Pfützen. Und. Erreichte den Kniep! Eine Strandburg hieß mich willkommen. Die hatten wir in diesem Jahr noch nicht gesehen. Was für ein Glück, denn unser Urlaub hier ging dem Ende entgegen. Wer weiß, ob ich sie noch zu sehen bekommen hätte.

 

 

Und dann lief ich wirklich. An der Wasserkante entlang, wieder mit ungläubigem Blick ob dieser gewaltigen Natur. So fühlt sich Freiheit an. Laufen. Über den Kniep. Der Leuchtturm winkte mir, als wollte er sagen, komm lauf weiter.

Aber ich weiß aus der Erfahrung meines Insellaufs vor ein paar Jahren, dass er nur zum Greifen nah scheint.

Also über den Bohlenweg zurück. Wie oft war ich über diesen wohl schon gelaufen oder gegangen. Durch das kleine Wäldchen führte mich mein Weg direkt unter die Dusche in Westerheide am Tannenwai. Das Wasser prasselte auf mich nieder und ich dachte: was für ein Abenteuer!

Text und Bilder

© geertjens

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